Straßennavigation mit Mainstream- und Blinden-Apps

Ob ganz oldschool O&M, oder modern mit dem Smartphone: Dies ist das Forum für Fragen zum Raus-, Rum- und Ankommen.
Antworten

Straßennavigation mit Mainstream- und Blinden-Apps

Beitrag von Robbie Sandberg DBSV Mitarbeiter » 01.06.2020, 13:55

Navigations-Apps ermöglichen blinden und sehbehinderten NutzerInnen mehr eigenständige Mobilität. Bei den Mainstream-Apps, die primär für Sehende gemacht sind, fehlen uns aber oft wichtige Informationen über die Umgebung. Dafür gibt es speziell für Blinde entwickelte Apps, mit denen man sich Kreuzungen und Ampeln ansagen lassen kann.
Welche Erfahrungen habt ihr mit bestimmten Apps gemacht? Kombiniert ihr verschiedene Apps, um möglichst viele Informationen zu bekommen? Was hat sich bewährt, was nicht?

Straßennavigation mit BlindSquare und Google Maps

Beitrag von Reiner Delgado DBSV Mitarbeiter » 02.06.2020, 12:39

Wenn man sich allein auf den Weg macht, braucht man nicht nur eine schöne Navigations-App. Man muss natürlich auch ein bisschen mobil sein. Ist man blind, muss man den Blindenlangstock nutzen können, man muss Straßen ohne und mit Ampeln überqueren können und manches mehr. Man muss aber kein Orientierungsmonster sein. Auch wer eher eine weniger gute Orientierung hat, kann allein neue Wege finden. Dafür ist ein bisschen Mut und Selbstvertrauen nötig. Es ist nötig, Leute nach dem Weg zu fragen unnd sich auch mal unterwegs helfen zu lassen. Und es wichtig, sich bewusst zu sein: Ich kann mich verlaufen; vielleicht werde ich mich auch verlaufen, aber ich werde meinen Weg auch wiederfinden. Ich werde manchmal frustriet sein, wenn etwas nicht gut klappt, aber ich werde auch stolz und glücklich sein, wenn ich Wege allein finde. Wenn man eine Behinderung hat und öfter mal etwas außergewöhnliches wagt, dann passt vielleicht das Stück Wer nie verliert, hat den Sieg nicht verdient von Udo Jürgens als Lebensmotto, das hier zu Youtube verlinkt ist.
Für die Navigation in der Stadt kann man die App BlindSquare nutzen. Deren Haupteigenschaft ist, dass sie regelmäßig ansagt, in welcher Richtung und wie weit entfernt das Ziel ist und was unterwegs an Straßen, Geschäften und anderem in der Nähe ist.
BlindSquare kann man auch in Kombination mit einer Turnby Turn Routen-Navigation nutzen. Im folgenden Podcast Beitrag zeige ich das mit Google Maps.
Podcast Straßennavigation mit BlindSquare und Google Maps.
Einige Zusatzinfos zu gestellten Fragen:
BlindSquare funktioniert nicht ohne Internetzugang. Google Maps schon. Man kann sich Kartendaten offline auf sein Gerät laden, wie das z. B. auch bei Komoot geht.
Blindsquare unterstützt für die Turn-by-Turn-Navigation nur bestimmte Apps un zwar: Navigon, TomTom, Sygic, GPS 2 Navigation, Waze, MotionX-GPS, MotionX-GPS Drive und HD, Google Maps und Apple Karten.
Will man eine andere Navigations-App parallel mit BlindSquare nutzen, muss man sein Ziel in der anderen App manuell eingeben und bekommt die Informationen von BlindSquare trotzdem im Hintergrund.
Hat man sich für einen Ort entschieden, dann gibt es vor allem folgende Möglichkeiten
• Der Ort kann zu "meine Orte" hinzugefügt und dann künftig leichter aufgerufen werden.
• Mit "Verfolgen Starten" wird unterwegs regelmäßig Distanz und Richtung zum Ziel angesagt.
• Mit "Navigation Planen" kann kombiniert eine App für Turn-by-Turn Routen-Navigation gestartet werden.
• Mit "Öffentlicher Verkehr" kann man sich kombinnniert mit einer entsprechenden App eine Verkehrsverbindung zum Ziel anzeigen lassen.
• Man kann sich die genaue Adresse und das Wetter am Ziel anzeigen lassen, das Ziel in Google öffnen, oder es auf einer Karte zeigen lassen.
• Mit "diesen Ort Simulieren" tut die App so, als wäre man schon am Zielort; dann kann man wieder von dort ein Ziel suchen, sich umschauen etc..
• Schließlich wird auch hier schon ständig Entfernung und Richtung zum Ziel angezeigt.
Interessant ist noch das Menü Werkzeuge mit u.a. folgenden Funktionen:
• Mit "Umsehen" kann man sein Smartphone drehen und bekommt angesagt, welche interessanten Orte es in der jeweiligen Richtung gibt.
• Mit der Beacon- und QR-Code-Erkennung kann man auch in-door--navigation nutzen, wenn diese in einem Gebäude oder Areal eingerichtet ist.
Möchte man einen wichtigen Ort für andere Nutzerinnen und Nutzer von BlindSquare zugänglich machen, kann man ihn als POI in FourSquare eintragen. In Google Maps kann man als Unternehmen die Eintragung in die Karte beantragen.

Übersicht über Navigationshilfen und -Apps mit weiterführenden Links

Beitrag von Reiner Delgado DBSV Mitarbeiter » 03.06.2020, 12:48

Es gibt natürlich noch viele andere Navigationshilfen und Apps. Hier eine Übersicht. Schreibt gernne Antworten hier ins Forum, wenn Ihr weitere Apps kennt oder zu den Genannten nähere Details berichten könnt.
- Victor Trek - das derzeit einzige Gerät zur Navigation für blinde Menschen kombiniert mit Daisy-Player, z. b. bei PABS
- Via Opta Nav, - klassische Routen-Navigation, speziell für blinde Menschen entwickelt, für iPhone und für Android-Geräte
- Seeing Assistant Move vor allem für das Aufzeichnen von Routen mithilfe von Routenpunkten, für iPhone und Android-Geräte
- Lazarillo für Andrroid-Geräte und für iPhone
- Karten, die Navigations-App auf dem iPhone:
Diese lässt sich auch simpel mit Siri bedienen, wenn man mal schnell einen einfachen Weg navigieren will. Dazu der Beitrag von Robbie Einfaches Navigieren mit Siri
Eine Apple Karte kann man auch erkunden, indem man mit dem Finger darüber streicht und Straßen und Orte angesagt bekommt.
- Der Kompass auf dem iPhone oder anderen Smartphones kann auch sehr bei der Orientierung helfen.
- AroundMe für iPhone oder Android gibt Informationen über interessante Orte in der direkten Umgebung.
- Mit Ariadne GPS kann man seine Umgebung auf dem iPhone auch auf einer Virtuellen Karte erkunden und bekommt so ein besseres räumliches Gefühl.
- Routago Assist für iPhone
- Der Navigürtel FeelSpace zeigt mit Vibrationen rund um den Körper Himmelrichtungen an, z. B. unterwegs stets, wo gerade Norden ist. Er kann auch mit einer Navigattions-App kombiniert werden, wo die Navigationsanweisungen per Vibration gegeben werden.

Ampelpilot App - Jetzt nur noch bei grün gehen?

Beitrag von Reiner Delgado DBSV Mitarbeiter » 12.06.2020, 17:17

Ampelpilot ist eine App
• für iPhone:
https://apps.apple.com/de/app/ampel-pilot/id1387454936
• und für Android Smartphone:
https://play.google.com/store/apps/deta ... ampelpilot
Mit Hilfe der Handykamera kann man das Licht einer Ampel auf der gegenüberliegenden Straßenseite scannen und bekommt per Sprachausgabe und Vibration angezeigt, ob die Ampel rot oder grün ist. Ein hilfreiches Tool an Ampeln ohne Piep- und Vibriersignal. (Aber nicht geeignet, wenn eine Straßenüberquerung aus mehreren Ampeln hintereinander besteht, da die app die Ampeln verwechseln kann).
Schaut euch im DBSV-Jugendclub Youtube-Kanal an, wie es geht:
https://youtu.be/7i4C00WDoa0
Es funktioniert denkbar einfach: Die rückseitige Kamera des Smartphones wird in Richtung der Ampel auf der anderen Straßenseite gehalten. Wenn die App keine Ampel erkennt, sagt sie dies an. Wenn sie eine rote Ampel erkennt, sagt sie: Warte, warte, warte ... und vibriert unterbrochen.
Findet die App eine grüne Ampel, sagt sie: Es ist grün, es ist grün ... und vibriert durchgehend.
Das klingt ja toll. Ampeln mit Knopf, Piep- und Vibrationssignal sind also künftig überflüssig?
In den Einstellungen kann man festlegen, ob gesprochen und/oder vibriert werden soll und wie hoch die "Konfidenz" ist. Hohe Konfidenz bedeutet: Nur wenn die App sich sehr sicher ist, zeigt sie eine Ampel auch an.
Ich benutze die App seit Kurzem manchmal. Sie erkennt die Ampel nicht immer und sagt auch nicht immer zuverlässig an, wenn es grün wird. Probleme gibt es natürlich, wenn im Blickfeld der Kamera mehrere Ampeln stehen, z. B. bei einer Mittelinsel mit Ampel. Und dann gibt es ja auch noch den Parallelverkehr. Im Unterricht in Orientierung und Mobilität lernt man, auf den Verkehr zu hören, der neben einem parallel losfährt. Denn dann wird es meistens auch für die Fußgänger grün.
Es gibt in Berlin eine Ampel ohne Blindensignal und am Verkehr kann man gar nicht gut hören, ob grün wird. Auf der anderen Seite steht nur eine Ampel und es gibt keine Mittelinsel. Und da ist die App Ampelpilot tatsächlich sehr hilfreich für mich.
Der gemeinsame Fachausschuss für Umwelt und Verkehr (GfUV) sieht Ampelpilot kritisch, weil die App nicht absolut sicher funktioniert, etwa bei "geteilten Querungen" mit mehreren Ampeln oder wenn anderes grünes Licht mit der Ampel verwechselt wird.
Der GfUV schreibt: "Auch wenn die App Ampel - Pilot in einem Großteil der Fälle dem Nutzer die richtigen Informationen gibt und von vielen als hilfreich empfunden wird, bringt die Nutzung der App ein großes Sicherheitsrisiko für die Betroffenen mit sich. Aus Verkehrssicherheitsgründen empfiehlt der GFUV den Entwicklern, die App zurückzuziehen, solange die oben angeführten Gefahren und Risiken bestehen."

Einfaches Navigieren mit Siri

Beitrag von Robbie Sandberg DBSV Mitarbeiter » 12.06.2020, 17:30

Um mit dem iPhone zu navigieren, muss man nicht unbedingt eine komplexe App beherrschen. Man kann schon mit einfachen Sprachbefehlen eine Route berechnen und sich darauf führen lassen.
Sagt man z.B. „Wegbeschreibung zum nächsten Geldautomaten“ oder „...zur nächsten Apotheke“, schlägt Siri entsprechende Orte vor. Lehnt man einen Ort ab, wird der Nächste genannt. Sagt man „ja“, öffnet sich die Karten-App und die Routenführung beginnt. Bei Angabe einer genauen Adresse entfällt das Frage-Antwort-Spiel.
Man kann sich also führen lassen, ohne die App überhaupt bedienen zu müssen.
Tippt man in der App auf Kartensteuerung und dann auf Details, kann man sich durch eine Liste der Wegpunkte wischen. So kann man sich vorab über Distanz und Anforderung informieren.
Natürlich hat diese Methode ihre Grenzen. Die von Siri gefundenen Orte werden z.B. nicht nach Entfernung sortiert genannt. Um mehr Informationen zu erhalten, gezielt suchen oder Umgebungen virtuell erkunden zu können, muss man sich mit der Bedienung von Navigations-Apps anfreunden. Die Siri-Methode ist aber ein guter Einstieg. Eine Möglichkeit, Routenführung einfach mal auszuprobieren.
Übrigens, wenn man sich verlaufen hat, funktioniert das natürlich auch. „SIRI, wo bin ich" oder "...bringe mich nach Hause.“ Dazu müssen Mobile Daten aktiviert und für die Karten-App freigegeben sein.

Antworten