Ausbildung mit Handycap

Hier könnt ihr euch zu eurem beruflichen Werdegang austauschen. Ihr findet außerdem Tipps zur Jobsuche, zu Schulen und zum Studium.
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    Karrtaan
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Ausbildung mit Handycap

Beitrag von Karrtaan » 12.11.2019, 23:29

Moin!
Hier möchte ich einmal über meine Erfahrungen bzgl. betrieblicher Ausbildung, Bewerbungen und die gute alte Bundesagentur für Arbeit berichten.
Wobei ich die hier sehr kurz kommen lassen werde, da ich mich nicht in zuviel negativem vergehen möchte. Vielmehr möchte ich mich mal ohne Ironie, sarkasmus und zynischen Bemerkungen damit bescheftigen, was eigendlich so dos und donts sind, wie man am bessten gegenüber dem betrieb auftritt, was man in Bewerbungen meiner Meinung nach reinpacken sollte, was da nix zu suchen hat und so weiter.
1. Berufswahl und der erste Papierkram:
Am Anfang war das Wort "ARBEIT!"
und es klang schwer und viel zu anstrengend.
Die Frage kommt immer als erstes: Was will ich eigendlich machen?
Bei der ersten Frage ist es wichtig, was sind meine Hobbies, wofür interessiere ich mich eigendlich und dann mal zu schauen, was es eigendlich für Jobs in dem Bereich gibt.
Es gibt genug sehbehinderte Mediengestalter, designer oder diverse andere grafisch orientierte Berufe die von Sehbehinderten ausgeübt werden.
Auch blinde professionelle Produzenten, Softwareentwickler, Musiker und mehr.
Auch Lehrer, und diverse andere Studienberufe kann man sicher problemlos ausüben.
Ich möchte mich hier aber mit der klassischen Berufsausbildung befassen.

Und die zweite Frage: Kann ich das als behindeter Mensch überhaupt?
Klar kannst du! Warum auch nicht. Es gibt sicher Grenzen. So werde ich z.B. nie ein Design nach bestehenden MockUps programmieren können.
Aber FrontEnt? Kann ich! Nur siehts dann nicht zwingend gut aus.
Ich baue sogar PCs in meiner Freizeit zusammen.
Aber für alles gibt es eine Lösung. Und wenn nicht, dann sorgt man für eine, schafft Prezedenzfälle oder wenn es schlicht unmöglich ist, lässt man es eben, solange man diesen beruf trotz dieser Grenzen ausüben kann.

Donts
Man sollte auf keinen Fall sagen: Ich mach lieber etwas einfacheres, da bekomm ich weniger Probleme.
Stimmt! Aber dann hast du dein ganzes Leben vielleicht einen Job auf den du keine Lust hast oder der dich nur zum Teil ausfüllt. Und man sollte schließlich immer das leisten, was man zu leisten in der Lage ist und nicht nur das Nötigste. Warum sollte ich eine schulische Ausbildung in einem speziell auf Sebehinderte und Blinde Menschen ausgerichteten berufsbildungswerk oder so machen, wenn ich mich auch einfach bei coolen Unternehmen in meiner Nähe bewerben kann.

Papierkram
Zu beachten sind hier Dinge wie der heilige Antrag auf Teilhabe am Arbeitsleben. Im Rahmen dieses Prozesses werden die Bedürftigkeit und der Anspruch festgestellt.
Allerdings wird dort nur das ganze rudimentär behandelt. Die Bedürfnisse und Anforderungen werden dann nochmal bei erfolgten Ausbildungsvertragsabschluss im konkreten Fall geklärt.
Zumal dort dann auch Kostenvoranschläge der einzelnen Hilfsmittelhändler usw. eingeholt werden müssen.
Außerdem wird im gleichen Zug die Arbeitssuche registreirt und man kann sich eine Berufsberatung antun.

2. Bewerbung, Berufsberatung und Rehabilitation
Als aller, aller erstes! Lasst euch niemals anquatschen, dass ihr doch auch mal in ein Berufsbildungswerk gehen könntet. Besonders wenn ihr das Ziel habt, als gleichberechtigter auf dem freien Arbeitsmarkt wahr genommen zu werden.
Betriebe wollen keine Leute aus spezialisierten Schulen haben, die alle Hilfen bekommen haben um es ihnen so flauschig wie möglich zu machen. Die wollen Leute, die was können und die vor allem Erfahrung haben.
In einer schulischen Ausbildung bekommt ihr Berufserfahrung höchstens in Praktika. Das ist aber kein Vergleich zu einer betrieblichen Ausbildung. Außerdem habt ihr dann keine Referenzen. Wenn ihr dann auf den freien Arbeitsmarkt kommt, gibt es kein Unternehmen bei denen euer vermeindlicher zukünftiger Arbeitgeber mal anrufen kann und mal fragen kann: was habt ihr mit ihm/ihr für Erfahrung gemacht?
Wenn ihr Abitur habt oder ihr genau wisst, dass ihr gut in dem seit, was ihr bisher könnt, gehört ihr nicht in solche Einrichtungen.
Ihr werdet auch viel eher genommen wenn ihr sagt: "Hier bin ich! Ich hab Bock auf diesen Job, ich hab schon das alles gemacht! Ich interessiere mich für das alles! Und Btw: Ich kann nicht so gut sehen. Falls ihr mehr darüber wissen wollt, ich kann euch alles zeigen, was ich so brauche, ich kann euch alle Infos geben und Mehraufwand ist das für euch auch nicht wirklich."

2. bewerbung und das Verfahren
Zuerst: Ihr müsst eure Behinderung nirgends angeben. Allerdings könnt ihr dann auch keine Rechtsansprüche geltend machen oder eure Absage gerichtlich anfechten.
Ich persönlich würde niemals den Schwerbehindertenausweis zu einer Bewerbung legen.
Ich würde den Arbeitgeber aber im Anschreiben darauf hinweisen, das ich blind bin, bestimmte Hilfsmittel benötige, diese benennen und kurze Beschreibungen dazu und zur Mobilität geben.
Und immer die Bereitschaft signalisieren, das man bei Fragen jeder Zeit zur Verfügung steht, das Gespräch sucht und das man damit offen umgeht.
Im konkreten Fall kann es auch nützlich sein, z.B. anzugeben, mit welchen Tools man arbeiten kann. Aber niemals was negatives sagen wie: Mit der Entwicklungsumgebung Netbeans kann ich nicht arbeiten, da diese nicht barrierefrei ist.
Das hilft besser, euch einzuschetzen und euch zu beurteilen.
Wenn die Liste länger ist, ist diese natürlich immer in den Lebenslauf zu verschieben und darauf zu verweisen.
Ich weiß, Bewerbungen schreiben ist anstrengend und man ist nach 10-20 Absagen und oder fehlender Reaktionen schnell deprimiert. Aber ich persönlich kenne genügend Leute, die für eine Ausbildung 50 und mehr geschrieben haben. Der Rekord, von dem ich gehört habe liegt bei 200 Bewerbungen. Und ich rede hier nicht von Menschen mit Behinderungen sondern von föllig gesunden normalen Menschen mit guten Noten.
Ich kann nur nahe legen, soviele Bewerbungen wie möglich zu schreiben. Auch bei Unternehmen, die einem nicht ganz so zusagen.
Auch persönlich anrufen und sich mehr Informationen einholen ist äußerst hilfreich.
Da sollte man die Behinderung aber vielleicht nicht mit angeben.
Damit würde man nur mit dem Scheunentor ins Gartenhaus fallen.
Auch eine gute Idee ist es, sich mal umzuhören, ob es in lokal Unterstützung für Menschen mit Behinderungen oder ähnliches gibt. Auch eine Bewerbungsbegleitung oder so kann euch gut helfen und praktische tipps geben.

3. Vorstellungsgespräche
Wie ich oben geschrieben habe: Offen auftreten, sich interessant machen und ein bisschen Fachwissen vorweisen.
Auch die Bereitschaft zu weiteren Gesprächen zeigen ist sehr wichtig.
Eine Begleitung würde ich nicht mit zu einem Vorstellungsgespräch nehmen.
Was ich aber immer dabei haben würde ist z.B. Laptop, Smartphone und vor allem Braillezeile. Dann kann man das Ganze auch noch demonstrieren. Das man diese Möglichkeit hat, ist auf jeden Fall anzumerken. Aber natürlich zum Gesprächsthema passend. Also wenn es auf die Behinderung kommt.
Donts:
Eltern und Freunde haben in Vorstellungsgesprächen nichts zu suchen. Auch wenn eure Eltern vielleicht vorschlagen, dass sie euch dort helfen könnten, werft sie raus! Nehmt sie am bessten garnicht erst mit rein. Am bessten schärft ihr denen auch rein, dass sie lediglich sagen, wer sie sind und warum sie da sind. "Ich bin Frau Walter, die Mutter/ eine Freundin. Ich hab ihn/sie nur gefahren".
Besonders Eltern haben die dumme Angewohnheit euch zusehr helfen zu wollen und dann schnell mal statt euch das Gespräch führen. Dann seit ihr aber oft sofort raus aus der Auswahl.
Auch wenn ihr eine Ausbildungsbegleitung habt, die euch fachlich unterstützt, holt euch da eher Tipps, nehmt sie gerne mit zum Betrieb. Aber nehmt niemanden ins Gespräch mit rein.
Auch wenn der Betrieb darum bittet... Dürft ihr das beruhigt ablehnen.
Übt auch gerne eine solche Situation vorher. Auch mit Leuten, die euch unbekannt sind. Vielleicht kennt ihr jemanden, der in der Branche arbeitet, in der ihr eure Ausbildung machen wollt?
Übt ein Vorstellungsgespräch auch mehrfach, mit verschiedenen Leuten.
Oder auch mal mit mehreren. Es gibt durchaus Gespräche, wo mehrere Leute des Betriebes vertreten sind. Das kann einen durchaus mal verunsichern.
Funfackt: Mit mir war einmal witzigerweise die SBV (Schwerbehindertenvertretung) als einziger nicht zufrieden :D


Das war jetzt schon sehr viel. Wen das Thema weiter interessiert kann seine Fragen gerne hierunter schreiben. Evtl. werde ich den Thread noch weiter ergenzen, sobald mir was einfällt.

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