Hass und Behindertenfeindlichkeit in Politik und Gesellschaft

Eine Behinderung kann kompliziert sein, gerade, wenn sie neu aufgetreten ist. Andere Menschen können kompliziert sein im Umgang mit Behinderung. Hier könnt ihr Erfahrungen austauschen.
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Hass und Behindertenfeindlichkeit in Politik und Gesellschaft

Beitrag von Sophie Heinicke » 07.03.2024, 12:09

Der Ton wird rauer. Nicht nur in der Politik wird oft über und nicht mehr mit Menschen gesprochen. Dabei ist es die Menschlichkeit die uns ausmacht.

Diskussionen sind wichtig und verschiedene Meinungen sollte man aushalten können, doch nicht, wenn einem das eigene Leben abgesprochen wird. In diesem Thread möchte ich - und ihr ja vielleicht auch - seriöse Quellen und Erfahrungen über Hass im Netz und die Gefahr von politischen Extremen teilen. Es gibt zur Zeit leider Bewegungen und Parteien, die ganz offensiv unsere Rechte bedrohen. Daher ist es wichtig informiert zu sein und Informationen zu teilen.


Hass im Netz - Wenn es einen selbst erwischt

Wir leben in spannenden Zeiten. Viele Menschen gehen für ihre Überzeugungen auf die Straße und positionieren sich wo sie politisch stehen. Oft schwingen auch viele Emotionen mit und so auch bei mir.
Ich habe am 2. Februar ein Video auf TikTok hochgeladen, in welchem ich einen Aufruf geteilt habe. Ich habe in diesem Video für die Demonstration in Berlin „Brandmauer gegen rechts“ geworben. Mir war klar, dass dieses Video nicht nur positive Reaktionen hervorrufen wird, manche Kommentare haben mich aber trotzdem nachdenklich gemacht.

Ich habe erwähnt, dass der DBSV dem Aufruf des Netzwerks Hand in Hand folgt und mit über tausend weiteren Organisationen auch unterschrieben hat. Wie unser Verbandspräsident Hans Werner lange sagte: „Menschen mit Behinderungen werden die Verlierer sein, wenn unsere Gesellschaft weiter nach rechts rückt.“ Das sehe ich ähnlich und musste es auch schon mehrfach im Netz erfahren.

Mein Algorithmus auf TikTok lässt sich im Grunde schnell zusammenfassen. Ich bekomme Videos mit Rezeptideen, behinderungsspezifischer Aufklärung, zum Thema Kinder und Beziehung aber vor allem zum Thema Politik vorgeschlagen. Gerade das Thema Diskriminierung und der Kampf dagegen wird in meiner Bubble immer größer. Klar, manchmal sind die Töne die hier angeschlagen werden auch nicht besonders diplomatisch, dass rechtfertigt aber nicht die Kommentare die ich immer wieder lesen muss – mittlerweile sogar unter meinen Videos.

Unter einem Video eines autistischen Jungen schrieben User, dass sie hoffen, dass dieser Junge nicht lange leben würde. Man las öfter, dass Leute wie er früher „duschen“ gegangen wären – eine Anspielung auf die systematische Tötung so vieler Menschen. Sie nannten ihn Trottel und Idioten.
Ich war sprachlos und anscheinend ging es nicht nur mir so, denn mir wurden einige Tage später mehrere Reaktionsvideos zu diesem Beitrag angezeigt. Viele Menschen sprachen sich solidarisch aus, aber es gab auch unter diesen Videos wieder zahlreiche Kommentare, die diese Äußerungen verteidigten und sogar richtig fanden. Gerade unter diesen Kommentaren zeigten sich dann viele blaue Herzen, was ein Bezug zu einer bestimmten Partei herstellen sollte.

So viel Hass…
Das Internet kann sehr hart sein, gerade weil man Menschen Dinge sagen kann ohne Konsequenzen zu fürchten. Das stimmt zwar nicht ganz, aber den Behörden sind doch oft die Hände gebunden. In was für einer Zeit leben wir denn aber, wenn Menschen nur weil sie nicht der Norm entsprechen als Idioten, nicht lebensfähig und noch viel schlimmer, als nicht lebenswert eingeschätzt werden. Wie anmaßend können Menschen sein über andere zu urteilen und ihre Tötung öffentlich gutzuheißen? Und was für ein Mensch muss man sein, wenn man solche Äußerungen liest und sich denkt: das fände ich völlig in Ordnung.

Mich machte es so traurig und wütend zugleich, sodass ich mich entschied nicht nur zu dieser Demo zu gehen, um meinen Teil zur Stabilisierung dieser Brandmauer zu leisten, sondern auch meine Beweggründe denen offenzulegen, die vielleicht gar nicht verstehen, welche Menschen sie durch ihre Stimme unterstützen. Jeder vernünftige Mensch, und mag er noch so frustriert von der Stimmung in Deutschland sein, muss doch eine rote Linie haben. Wenn jemandem der Tod in einer Gaskammer gewünscht wird, ist diese Linie doch hoffentlich mehr als überschritten.
Auch das erzählte ich in dem Video und stellte mich seelisch und moralisch schon auf eine mittelschwere Katastrophe ein. Die ersten Kommentare waren auch durchweg negativ, aber halt auch ohne Substanz. Es fielen Kommentare, wie „Ohne die AFD gibt es bald Bürgerkrieg“, „du verbreitest Fake News“ und natürlich fiel oft der Name von Alice Weidel inklusive vieler blauer Herzen. Vereinzelt bekam ich Drohungen, wie „du wirst schon sehen, was du davon hast“ oder „pass auf was dir passiert, wenn die AFD die Macht ergreift“. Diese Herrschaften habe ich dann erst einmal Konsequent gemeldet. Mein persönliches Highlight waren die Fragen wer mich für diesen Beitrag bezahlen würde bzw. ob ich von den öffentlich-rechtlichen Medien finanziert werde. Die Antwort war „leider noch niemand“ und „tragischerweise nicht“.

Die Kommentare die mich traurig gemacht haben waren die Rechtfertigungen der Leute, die die Rechten aus persönlicher Enttäuschung wählten. Ein Mann schrieb, dass seine Frau im Hospiz im sterben lag und nun die Einrichtung schließen müsse. Er machte unsere Regierung verantwortlich. Ich habe ihn daraufhin privat angeschrieben, sprach ihm mein Mitgefühl aus, fragte ihn aber auch, ob er es in Ordnung fände, dass Kommentare die jemandem den Tod wünschen, so einfach und normal geworden sind. Wir unterhielten uns etwas und er hatte sehr wohl Verständnis für meine Seite, wollte mir überhaupt nichts Böses. Er sagte sogar, dass er wüsste, wenn wir eine rechte Regierung bekommen würden, dass es dann nicht besser werden würde und trotzdem. Alle Argumente waren egal, denn er wollte „denen da oben“ eins auswischen, völlig egal welche Konsequenzen das haben würde.

Mich erreichten auch viele positive Rückmeldungen: Komplimente für meinen Mut mich gerade zu machen - auch wenn ich nur eine kleine Reichweite habe. Das Video wurde bis heute knapp 4720-mal gesehen, 30-mal gespeichert und über 75-mal erneut veröffentlicht. Das hat mich größtenteils gefreut. Warum größtenteils? Naja, einige Leute teilten und verbreiteten es mit Kommentaren, wie: „Eine gute Gesellschaft erkennt man daran wie sie mit ihren Schwächsten umgeht“ oder „Mit Behinderungen zu leben ist schon schlimm genug“. Hier schlug ich mir die Hand vor den Kopf. Es klang nach den armen, hilflosen Behinderten, die es doch bräuchten, dass man sie beschützt. Nett gemeint, aber halt trotzdem daneben. Das schrieb ich den entsprechenden Personen auch nett und freundlich und ich denke, die meisten haben es hoffentlich verstanden oder zumindest einmal gehört.

Zuletzt möchte ich aber noch auf einen Kommentar eingehen, welcher mich am meisten verärgert hat und mich ehrlicherweise immer noch ärgert. Eine Dame, nach eigener Aussage Lehrerin an einer Förderschule, schrieb unter meinen Beitrag nur: „Naja Inklusion in Schulen funktioniert ja aber auch nicht“. Erst war ich verwirrt, denn darum ging es in dem Video ja zu keiner Zeit. Nachdem ich etwas darüber nachdachte, bin ich darauf gekommen, dass sie wahrscheinlich einen Haken geschlagen hat. Es ging darum was passiert, wenn die Gesellschaft nach rechts rückt, um Teilhabe und dass Menschen mit Behinderungen wahrscheinlich das Nachsehen haben werden. Sie meinte vielleicht, dass die Inklusion, auch wenn sie gesetzlich vorgesehen ist, in der Realität auch schon heute oft an ihre Grenzen gerät. Das lässt sich wohl nicht bestreiten. Sie hörte aber nicht auf. Diese Lehrerin meinte, dass behinderte Schülerinnen und Schüler nichts auf Regelschulen zu suchen hätten. „Einem Gelähmten kann man keinen Hürdenlauf und einem Stummen nicht das Singen beibringen.“ Als ich erwiderte, dass vielleicht dies das Problem ist, dass jeder alles können muss und ich beispielsweise auch nicht auf dem Schwebebalken laufen musste, sagte sie nur: „Aufgrund solcher Sonderregelungen werden Kinder auf Regelschulen gemobbt.“ Das wäre halt so und deshalb wären Kinder mit Behinderungen auf Förderschulen nicht nur besser aufgehoben, sondern würden sich auch wohler fühlen. jenem widersprach eine Schulbegleiterin, eine weitere Lehrerin und ein Vater eines behinderten Jungen. Auf der anderen Seite stand noch eine anscheinend auch betroffene Dame, die erwähnte, dass sie „krank“ wäre bzw. es auch damals war und immer wusste, dass sie so anders war. Es gab nur sie als Kranke und die Nicht-Kranken. Sie hätte sich gewünscht, dass sie jemand gezwungen hätte auf eine Förderschule zu gehen.

Die Debatte ist schwierig und bevor ich hier einen Roman schreibe, breche ich das Hin und Her ab. Diese Diskussion und mag sie noch so wichtig sein, wurde unter einem Beitrag geführt, wo es um wirklich schreckliche Äußerungen gegenüber Menschen mit Behinderungen ging. Berechtigte Kritik, sei es an unserem Gesundheitswesen oder dem Schulsystem, wurde in einen Topf geworfen mit braunem Gedankengut. Es wird so viel Hass verteidigt, verbreitet oder zumindest zur Kenntnis genommen und geduldet, nur weil man sich nicht genug gesehen fühlt. Nur weil man es denen da oben zeigen will. Die Ängste so vieler Menschen werden heruntergeredet und sie werden dafür sogar beleidigt und das wofür?
Ich weiß es nicht.

Quellen dagegen
Es lässt sich leicht und einfach ein Video produzieren in welchem man seinen Emotionen einfach freien Lauf lässt. Dort erzählt man dann wie es einem damit geht und wie man die Situationen selbst empfindet. Es gibt aber oft mehr als eine Seite der Medaille.

Wenn man also das Gefühl hat, dass die gerade entdeckten Infos falsch sind, sollte man recherchieren und eine begründete Kritik schreiben. Im Bezug auf rechte Positionen und das Thema Behinderung bin ich aber leider kaum fündig geworden. So habe ich unseren Pressesprecher angeschrieben und um passende Quellen zur Argumentation gebeten. Diese möchte ich mit euch teilen.

Der Artikel der Aktion Mensch ist nicht der Neuste, aber eine gute Grundlage. Hier wurde sich mit dem Parteiprogramm der AFD auseinandergesetzt. Die Autorin recherchierte was die Positionen der Partei zum Thema Behinderung sind. Spoiler: Oft vertreten sind wir in dem Programm nicht.
(Aktion Mensch; Inklusion hat die AfD nicht auf der Agenda)

Für weitere passende Argumente, bezogen auf die AfD, kann man sich beim Projekt "Beratung gegen rechts" des Paritäters umschauen. Alle Infos dazu findet man auf der folgenden Seite:
www.der-paritaetische.de/themen/bereich ... al/#spacer

Ein schöner Artikel ist beispielsweise unter der Überschrift „Vorurteil“, "Inklusionsprogramme in Schulen senken die Qualität des Schulunterrichts“, zu finden.

Da wir ja aber ein großer Verband mit einer lauten Stimme sind, sind auch von unserer Seite weitere Informationen zur Aufklärung geplant. Beim Treffen der Öffentlichkeitsmenschen im DBSV wurde vorgeschlagen, ein Papier mit dem Arbeitstitel: „5 Gründe, warum man als behinderter Mensch ein Problem mit rechtsextremen Positionen haben sollte“, zu erarbeiten.
Die Öffentlichkeitsmenschen waren der Meinung, dass man sich mit Positionen inhaltlich auseinandersetzen sollte, statt nur die AfD anzugreifen. Beim Treffen in Potsdam, dass so vieles ausgelöst hat, waren ja neben drei AfD-Leuten noch diverse andere Personen am Start.
Wir sind gespannt!

(Persönlicher Bericht von Sophie Heinicke aus der März-Brücke 2024)

Weitere Quelle

Beitrag von Sophie Heinicke » 07.03.2024, 12:29

Eine Sache muss ich natürlich noch anfügen. Falls ihr strafbare Kommentare und Nachrichten bekommt solltet ihr euch an die Polizei wenden und ganz offiziell eine Anzeige erstatten. Es ist so offensichtlich, dass man es fast vergessen könnte.

Hier nun noch ein Artikel über die Behindertenpolitik der AfD:
Für Homogenität in Volk und Klassenzimmer
https://www.belltower.news/afd-fuer-hom ... er-155195/

Euthanasie ist die Lösung - Anschlag auf Lebenshilfe Mönchengladbach

Beitrag von Sophie Heinicke » 10.06.2024, 11:37

Dieser feige Anschlag erinnert sehr an eine vergangene Zeit. Lest euch den Bericht zum Anschlag in Mönchengladbach bitte durch. Im Grunde waren es zwei Anschläge. Zweimal flog ein Ziegelstein mit der Aufschrift: Euthanasie ist die Lösung.
Für was? Für die Probleme unserer Zeit? Nein, das ist das wahrscheinlich nicht…
https://www.lebenshilfe.de/wir-fuer-men ... engladbach

Und hier noch die Empfehlungen der Lebenshilfe zum Umgang mit der AfD:
https://www.lebenshilfe.de/fileadmin/Re ... it-AfD.pdf

Appell des Verbandsrates des DBSV

Beitrag von Sophie Heinicke » 01.07.2024, 14:26

Rechtsextreme Kräfte bedrohen Demokratie und Menschenrechte. Wer Inklusion als "Ideologieprojekt" bezeichnet, der spricht Menschen mit Behinderungen ihr Menschenrecht auf Teilhabe ab. Eine solche Agenda ist für uns weder auf politischer noch auf gesellschaftlicher Ebene diskutabel.

Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e. V. (DBSV) tritt für eine inklusive, vielfältige und offene Gesellschaft ein, in der alle Menschenrechte und Grundfreiheiten geachtet und gelebt werden. Er erteilt jeglicher Form von Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt eine klare Absage!

Der DBSV versteht sich als Teil der zivilgesellschaftlichen Brandmauer gegen Rechtsaußen. Alle Demokratinnen und Demokraten sind aufgefordert, ihren Beitrag zu leisten, um die Würde des Menschen zu schützen und Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und unser Grundgesetz zu verteidigen.

Den Staat, die demokratischen Parteien und die für staatliches Handeln verantwortlichen Institutionen fordern wir auf, Gefahren für unsere Demokratie, die Vielfalt und die Menschenrechte abzuwehren. Wenn Menschen mit Behinderungen von rechtsextremen Kräften an den Rand gedrängt werden sollen, braucht unsere Gesellschaft Zusammenhalt und Entschlossenheit!

Gehen Sie wählen! Geben Sie bei den anstehenden Wahlen Ihre Stimme der Demokratie und damit auch der Inklusion!

(Appell von dbsv.org; 24.05.2024)


Die AfD – eine Gefahr für Menschen mit Behinderungen

Beitrag von Sophie Heinicke » 27.05.2026, 14:23

Hallo zusammen,

ein neuer Bericht des Deutschen Instituts für Menschenrechte sorgt gerade für viel Aufmerksamkeit. Darin geht es um die Frage, warum die AfD für Menschen mit Behinderungen eine Gefahr darstellen kann – und warum dieses Thema viel häufiger diskutiert werden sollte. 

Der Bericht beschäftigt sich unter anderem mit Aussagen von Politiker:innen der AfD zu Inklusion, Teilhabe und dem Bild von Menschen mit Behinderungen in unserer Gesellschaft. Die Autor:innen warnen davor, dass abwertende Aussagen über Behinderung, Leistungsfähigkeit und „Nützlichkeit“ kein Zufall seien, sondern immer wieder auftauchen. 

Besonders für junge blinde und sehbehinderte Menschen ist das wichtig. Denn viele von uns kämpfen ohnehin schon täglich für Barrierefreiheit, gleiche Chancen in Schule und Ausbildung, selbstbestimmtes Leben und echte Inklusion. Wenn politische Kräfte genau diese Rechte infrage stellen oder Inklusion als „Ideologieprojekt“ darstellen, betrifft das unseren Alltag direkt. 

Der Bericht zeigt außerdem:

* warum Inklusion ein Menschenrecht ist,
* weshalb Sprache und politische Aussagen Folgen haben,
* und warum Solidarität innerhalb der Community so wichtig bleibt. 

Viele Sozial- und Behindertenverbände hatten schon länger vor dieser Entwicklung gewarnt. Jetzt liegt erstmals eine ausführliche Analyse des Deutschen Instituts für Menschenrechte dazu vor. 

Wer mehr darüber erfahren möchte, findet hier den vollständigen Beitrag:

Die AfD – eine Gefahr für Menschen mit Behinderungen
https://www.institut-fuer-menschenrecht ... inderungen

Außerdem gibt es beim Institut Inhalte in einfacher und leichter Sprache:

Teilt den Beitrag gern mit euren Freunden, Familie und Bekannten, aber auch mit denen, die vielleicht immer wieder sagen: das meinen, die gar nicht so…


Aktuelle Regierung: An Teilhabe spart man nicht

Beitrag von Sophie Heinicke » 27.05.2026, 14:34

Seit Monaten wird in Deutschland hinter den Kulissen über massive Einsparungen im Sozial-, Gesundheits- und Pflegesystem diskutiert. Besonders betroffen wären ausgerechnet jene Menschen, die ohnehin auf Unterstützung angewiesen sind: Menschen mit Behinderung, pflegebedürftige Menschen, Familien mit kranken oder behinderten Kindern, Alleinerziehende sowie Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen.

Sozialverbände sprechen inzwischen offen von einem drohenden Sozialabbau. Hintergrund sind steigende Kosten in Pflege, Gesundheit und Eingliederungshilfe sowie der politische Druck, Milliarden einzusparen. Ein internes Arbeitspapier von Bund, Ländern und Kommunen enthält laut Sozialverbänden über 70 Sparvorschläge mit einem Volumen von mindestens 8,6 Milliarden Euro. Besonders betroffen wären die Eingliederungshilfe, die Kinder- und Jugendhilfe sowie Leistungen im Gesundheitswesen. (Reddit)

Konkret geht es dabei nicht nur um abstrakte Haushaltszahlen, sondern um ganz reale Einschnitte im Alltag vieler Menschen.

Besonders alarmierend sind die diskutierten Kürzungen bei Menschen mit Behinderung. Geplant beziehungsweise diskutiert werden unter anderem stärkere Pauschalisierungen statt individueller Hilfen, Einschränkungen beim Wunsch- und Wahlrecht, mehr Sammelbetreuung statt persönlicher Assistenz sowie Einsparungen bei Schulbegleitungen und Integrationshilfen. Für viele Kinder mit Behinderung würde das bedeuten, dass sie weniger individuelle Unterstützung in Schule und Alltag erhalten. Sozialverbände warnen davor, dass dadurch Inklusion faktisch zurückgebaut wird. (Reddit)

Gerade Schulbegleitungen stehen massiv unter Druck. Immer häufiger wird argumentiert, Schulen müssten die Unterstützung „selbst leisten“, statt zusätzliche Hilfen über die Eingliederungshilfe zu finanzieren. In der Praxis wissen jedoch viele Familien bereits heute, dass Schulen personell und organisatorisch oft völlig überlastet sind. Fällt die individuelle Assistenz weg, drohen Kindern mit Behinderung Ausgrenzung, Unterrichtsausschlüsse oder eine Verschlechterung ihrer Bildungschancen.

Auch in der regulären Kinder- und Jugendhilfe stehen Einsparungen im Raum. Betroffen wären ambulante Hilfen, Unterstützungsangebote für Familien, Nachbetreuung junger Volljähriger und Hilfen zur Erziehung. Besonders problematisch ist das für Jugendliche mit psychischen Belastungen oder schwierigen familiären Situationen. Fachkräfte warnen davor, dass frühe Hilfen gestrichen werden könnten, obwohl genau diese langfristig schwere Krisen verhindern.

Parallel dazu verschärft sich die Situation in der psychotherapeutischen Versorgung. Schon heute warten Kinder und Jugendliche oft monatelang auf Therapieplätze. Gleichzeitig wird über Kürzungen bei Zuschlägen für kurzfristige psychotherapeutische Termine und Sprechstunden diskutiert. Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten warnen, dass dadurch weniger Behandlungsplätze entstehen könnten.

Auch Hebammen geraten zunehmend unter finanziellen Druck. Im Rahmen geplanter Kostendämpfungen im Gesundheitssystem sollen Vergütungssteigerungen verschiedener Gesundheitsberufe begrenzt werden – darunter auch Hebammenleistungen. Kritiker befürchten, dass dadurch insbesondere freiberufliche Hebammen weiter unter wirtschaftlichen Druck geraten könnten. Schon heute gibt es in vielen Regionen einen erheblichen Hebammenmangel. Familien finden oft nur schwer Betreuung während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.

Hinzu kommen Diskussionen über höhere Eigenbeteiligungen im Gesundheitswesen. Expertenkommissionen schlagen unter anderem höhere Zuzahlungen für Medikamente und Behandlungen vor. Diskutiert wird, Patientenzuzahlungen stärker an die Inflation anzupassen. Für chronisch kranke Menschen, Menschen mit Behinderung und Familien mit hohem medizinischem Bedarf könnten dadurch erhebliche Mehrkosten entstehen.

Besonders Familien mit behinderten oder chronisch kranken Kindern wären davon massiv betroffen. Viele benötigen regelmäßig Medikamente, Therapien, Hilfsmittel oder Pflegeleistungen. Schon jetzt geraten zahlreiche Familien finanziell an ihre Grenzen, weil Leistungen nicht vollständig übernommen werden oder lange Antragsverfahren nötig sind.

Auch in der Pflege wächst die Unsicherheit. Zwar wurden Leistungen wie die Verhinderungspflege zuletzt reformiert und teilweise vereinfacht, gleichzeitig gibt es jedoch politische Diskussionen über strengere Kontrollen, Begrenzungen und Einsparungen im Pflegesystem insgesamt. Angehörige berichten schon heute von enormem bürokratischem Aufwand und zunehmenden Problemen, überhaupt ausreichende Unterstützung zu erhalten.

Die Verhinderungspflege ist für viele Familien essenziell. Sie ermöglicht pflegenden Angehörigen überhaupt erst Urlaub, Erholung oder Arztbesuche. Gerade Familien mit schwerbehinderten Kindern sind oft rund um die Uhr belastet. Sozialverbände warnen deshalb davor, dass Einschränkungen oder versteckte Hürden bei der Pflege langfristig zu Überlastung und Zusammenbrüchen von Familien führen könnten.

Auch Reha- und Therapieangebote stehen unter wirtschaftlichem Druck. Kliniken und Einrichtungen warnen seit Monaten vor Finanzierungslücken, Personalmangel und steigenden Kosten. In manchen Regionen wurden bereits Therapieangebote reduziert oder Wartelisten verlängert. Besonders betroffen sind Ergotherapie, Logopädie, Frühförderung und psychotherapeutische Angebote für Kinder und Jugendliche.

Dazu kommt die allgemeine Krise in Schulen und Kitas. Lehrkräftemangel, fehlende Inklusionskräfte, zu große Klassen und überlastete Fachkräfte treffen besonders Kinder mit Unterstützungsbedarf. Werden gleichzeitig Schulassistenz, Jugendhilfe und therapeutische Angebote gekürzt, wächst die Gefahr, dass genau jene Kinder zurückgelassen werden, die eigentlich besonderen Schutz benötigen.

Viele Sozialverbände kritisieren deshalb, dass derzeit vor allem unter dem Gesichtspunkt der Einsparung diskutiert wird. Statt die Ursachen wachsender Kosten anzugehen – etwa Fachkräftemangel, fehlende Prävention, Kinderarmut oder mangelnde Barrierefreiheit – werde zunehmend bei Unterstützungsleistungen selbst angesetzt.

Behindertenverbände warnen inzwischen offen davor, dass Deutschland Gefahr läuft, zentrale Prinzipien der UN-Behindertenrechtskonvention auszuhöhlen. Teilhabe, Selbstbestimmung und Inklusion seien keine freiwilligen Sozialleistungen, sondern grundlegende Menschenrechte.

Denn hinter jeder Kürzung stehen reale Menschen:
Kinder, die ohne Schulbegleitung keinen Unterricht besuchen können.
Eltern, die keinen Therapieplatz für ihr Kind finden.
Pflegende Angehörige, die seit Jahren keine Pause mehr haben.
Menschen mit Behinderung, die um ihre Selbstständigkeit fürchten müssen.

Viele Betroffene haben deshalb den Eindruck, dass gerade dort gespart werden soll, wo Menschen am wenigsten Möglichkeiten haben, sich selbst zu wehren.

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